Neue Methodik, sinkende Mindestambition, leichterer Einstieg
Die Science Based Targets initiative (SBTi) hat Ende April eine überarbeitete Version der Standardmethode, dem Absolute Contraction Approach (ACA) veröffentlicht. Offiziell wird der Schritt als „methodische Anpassung“ eingeordnet – in der Praxis handelt es sich allerdings um eine substanzielle Änderung mit direkten Auswirkungen auf die Zielpfade vieler Unternehmen.
Für einige Unternehmen wird der Einstieg in SBTi‑Ziele damit deutlich einfacher. Gleichzeitig stellt sich die Frage, was die Änderung für bereits validierte Ziele bedeutet.
Die wichtigsten Änderungen im Überblick
Kern der Anpassung ist eine neue Logik zur Berechnung von Emissionsreduktionspfaden:
- Bisher wurde faktisch eine stark frontgeladene Reduktionslogik angewendet: hohe Reduktionsanforderungen bereits bis 2030, danach flachere Verläufe.
- Künftig werden Emissionsminderungen gleichmäßiger über den Zeitraum bis zum Net‑Zero‑Zieljahr verteilt.
Besonders relevant ist die Auswirkung auf Near‑Term Targets (typischerweise bis 2030):
- In der Praxis ergaben sich aus der bisherigen Methodik für viele Unternehmen Reduktionsanforderungen von rund 42 % bis 2030 gegenüber dem Basisjahr (1,5‑Grad‑Pfad).
- Rechenbeispiele zeigen, dass diese Mindestambition – je nach gewähltem Basisjahr – nun auf etwa 21 % (Scope 1), 33 % (Scope 2) bzw. ca. 21 % (Scope 3) bis 2030 sinken kann.
Gleichzeitig gilt weiterhin:
- Net Zero bis spätestens 2050 bleibt verpflichtend.
- Die oft zitierte Mindestanforderung von 4,2 % jährlicher Reduktion zwischen Basisjahr und Zieljahr bleibt im 1,5°C Szenario bestehen, wird aber zeitlich anders verteilt: weniger Druck in den frühen Jahren, mehr Reduktion in der zweiten Hälfte des Pfads.
Near‑Term Targets: Praxisproblem wird adressiert
Aus der Beratungspraxis von HIC Consulting wissen wir, dass viele Unternehmen mit den bisherigen Anforderungen an Near‑Term Targets an Grenzen gestoßen sind. Die Anforderung, innerhalb weniger Jahre sehr hohe Emissionsreduktionen zu realisieren, war häufig nicht mit realen Transformations- und Investitionszyklen vereinbar. Viele Unternehmen haben sich aus diesem Grund gegen offizielle SBTi-Zielsetzungen entschieden.
Keine „minor change“, sondern strukturelle Anpassung
Die SBTi kommuniziert das Update als technische Verfeinerung („refinement“) der Methodik. Blickt man auf die tatsächlichen Effekte, wird jedoch klar, dass es sich um eine strukturelle Anpassung handelt. Die SBTi betont, dass die aktualisierte Methode weiterhin mit wissenschaftsbasierten Net‑Zero‑Pfaden in Einklang steht. Gleichzeitig wird in Teilen der Fachcommunity diskutiert, ob die stärkere Entlastung der frühen Jahre – mit potenziell höheren kumulativen Emissionen – die faktische 1,5‑Grad‑Kompatibilität schwächt.
Wichtiger Aspekt: Keine automatische rückwirkende Anpassung bestehender Ziele
Die SBTi stellt klar: „The update does not affect previously validated targets.“
Das bedeutet konkret:
- Bestehende, bereits validierte Targets behalten ihre Gültigkeit – inklusive der strengeren Near‑Term‑Anforderungen.
- Es erfolgt keine automatische rückwirkende Anpassung an die neue Berechnungslogik.
- Eine Anpassung ist nur im Rahmen einer regulären Zielüberprüfung (mindestens alle 5 Jahre) oder erneuten Validierung möglich.
Damit entsteht eine faktische Zweiteilung:
- Unternehmen mit bestehenden Targets arbeiten weiterhin unter den „alten“, ambitionierteren Anforderungen.
- Unternehmen, die jetzt neu einsteigen oder Ziele überarbeiten, können von der angepassten Methodik profitieren.
Einordnung im Kontext des Corporate Net‑Zero Standard V2.0
Das ACA‑Update steht nicht isoliert, sondern ist eingebettet in die Entwicklung des Corporate Net‑Zero Standard Version 2 (V2). Dieser wird sich laut SBTi auf technische Updates in fünf Schlüsselbereichen fokussieren:
- Performance & Transparenz: strengere Erwartungen an Messung und Offenlegung von Fortschritt,
- diversifizierte Scope‑1‑Methoden: granularere Pfade und Metriken, die näher an realen Emissionsquellen und Sektoren sind,
- verschärfte Integrität für Scope‑2‑Strom: klare Qualitätsanforderungen an Herkunftsnachweise, inkl. zeitlicher und geografischer Zuordnung,
- fokussiertes und flexibles Scope‑3‑Framework: stärkere Konzentration auf prioritäre Wertschöpfungsketten‑Emissionen bei gleichzeitig größerer Flexibilität für geringere oder schwer beeinflussbare Anteile,
- progressive Verantwortung für „ongoing emissions“: Anerkennungsmechanismen für Unternehmen, die über direkte Dekarbonisierung hinaus früh in hochwertige Maßnahmen zu verbleibenden Emissionen investieren.
Aus der SBTi‑Kommunikation lässt sich ableiten, dass der aktualisierte ACA auch als Brücke Richtung V2 dient: Die neue, linearere Logik für Reduktionspfade soll die spätere Umstellung auf den endgültigen Standard erleichtern. Aktuell befindet sich der Corporate Net-Zero Standard V2 in der Auswertungs- und Finalisierungsphase; die Veröffentlichung erfolgt nach interner Prüfung sowie Freigabe durch den Technical Council und formaler Adoption durch das Board of Trustees. Unternehmen können den bestehenden Standard V1.3 noch bis 31.12.2027 nutzen – ab 01.01.2028 wird die V2 verpflichtend.
Was Unternehmen jetzt tun sollten – unsere Empfehlungen
Je nach Ausgangslage ergeben sich unterschiedliche Prioritäten:
Unternehmen ohne validierte SBTi‑Ziele
- Mindestambition mit der neuen Berechnungslogik prüfen (inkl. Sensitivität für verschiedene Basisjahre).
- Ambitionsniveau nicht allein am neuen Minimum ausrichten, sondern im Lichte von Dekarbonisierungsfahrplänen, Investitions- und Transformationszyklen sowie Erwartungen von Kund:innen, Kapitalmarkt und Regulierung (z. B. CSRD) festlegen.
Unternehmen mit bereits validierten SBTi‑Zielen
- Bestehende Ziele und Transformationspläne nicht vorschnell „weichspülen“. Kontinuität kann ein wichtiger Glaubwürdigkeitsfaktor sein.
- Optionen für die nächste turnusmäßige Überprüfung vorbereiten: Wo wäre eine Anpassung fachlich sinnvoll, wo kontraproduktiv?
- Scope‑3‑Strategie neu bewerten: Da Intensitätsziele methodisch unverändert sind, lohnt sich ein erneuter Vergleich von absoluten und intensitätsbasierten Zielen.
Was Unternehmen jetzt tun sollten – unsere Empfehlungen
Unser Fazit: Weniger Mindestdruck – mehr strategische Verantwortung
Die SBTi nimmt mit dem Update real existierende Umsetzungsprobleme ernst und senkt den formalen Einstiegsdruck. Für viele Unternehmen wird es damit leichter, den Schritt zu wissenschaftsbasierten Zielen zu gehen oder zurückzukehren.
Gleichzeitig verschiebt sich die Verantwortung stärker zu den Unternehmen selbst: Die Frage „Was ist gerade noch zulässig?“ tritt in den Hintergrund. Wichtiger wird „Was ist für unser Geschäftsmodell und im Lichte der 1,5‑Grad‑Ziele verantwortbar?“.
Wie HIC Consulting unterstützt
Wir begleiten Unternehmen dabei,
- die Auswirkungen der ACA‑Anpassung auf bestehende und geplante SBTi‑Ziele zu analysieren,
- realistische, aber ambitionierte Near‑Term‑Ziele zu definieren, die mit Transformations- und Investitionspfaden zusammenpassen,
- Dekarbonisierungsstrategien mit Regulierung (z. B. CSRD, EU‑Taxonomie) und Markterwartungen zu verzahnen und
- Klimastrategien so zu gestalten, dass sie sowohl wissenschaftlich anschlussfähig als auch unternehmerisch tragfähig sind.

Was ist SBTi?
Die Science Based Targets Initiative (SBTi) ist ein internationaler Zusammenschluss von Organisationen, die Unternehmen dabei unterstützt, wissenschaftlich fundierte Klimaziele festzulegen. Die SBTi prüft und bestätigt, ob die Emissionsreduktionsziele eines Unternehmens mit den aktuellen Erkenntnissen der Klimawissenschaft vereinbar sind. Das Ziel ist, Treibhausgasemissionen im Einklang mit dem 1,5°C-Ziel des Pariser Klimaabkommens messbar zu senken und Unternehmen auf einen klimafreundlichen Transformationspfad auszurichten.
Sie möchten prüfen, was das SBTi‑Update für Ihr Unternehmen konkret bedeutet? Ganz gleich, ob Sie Ziele planen, intern verhandeln oder bereits validiert haben – sprechen Sie uns gern an.

Ihre Ansprechpartnerin:
Jana Kapfer
Senior Manager | Head of Climate Strategies
