Standpunkt von Jakob Schlandt zur Energieresilienz   

Wie krisenfest ist Deutschlands Energieversorgung? Trotz einer verschärften Bedrohungslage und zahlreicher Einzelmaßnahmen fehlt weiterhin eine umfassende Strategie für die Resilienz des Energiesystems. Darauf weist Jakob Schlandt, Leiter Policy & Markets und des Berliner Büros von HIC Consulting, in seinem heute erschienenen Standpunkt „Sicherheit der Energieversorgung: Die Leerstellen bei der Energieresilienz“ im Tagesspiegel Background Energie & Klima hin. 

Angriffe auf Energieinfrastruktur, unsichere Importrouten und zunehmende Klimaschäden haben die Anforderungen an die Sicherheit der Energieversorgung deutlich erhöht. Deutschland reagiert darauf unter anderem mit einem stärkeren Schutz kritischer Infrastruktur und einer intensiveren Debatte über Vorsorgemaßnahmen. Aus Sicht von Schlandt fehlt diesen Ansätzen jedoch ein übergreifender Rahmen.

Deutschland hat aus meiner Sicht die Handlungsschwelle für einen umfassenden Ansatz spätestens dieses Jahr überschritten.“

Vier Leerstellen in der deutschen Energieresilienz

In seinem Standpunkt identifiziert Schlandt vier zentrale Leerstellen der deutschen Energieresilienzpolitik. Erstens fehlen umfassende Szenarien, die unterschiedliche Gefährdungen der Energieversorgung systematisch abbilden – auch solche, bei denen die Infrastruktur selbst intakt bleibt, aber beispielsweise wichtige Importrouten ausfallen. Andere Länder wie Großbritannien oder Japan beziehen solche Risiken deutlich systematischer in ihre Energie- und Sicherheitsplanung ein.

Zweitens brauche Deutschland ein klar definiertes und finanziertes Schutzniveau. Es müsse geklärt werden, auf welche Krisen und Ausfallzeiten das Energiesystem vorbereitet sein soll und welche Kosten die Gesellschaft dafür tragen will. Der internationale Vergleich zeigt unterschiedliche Ansätze: Schweden setzt beispielsweise auf konkrete Vorgaben zur Selbstvorsorge und Priorisierung, während Japan und Finnland umfangreiche Energiereserven vorhalten. In Deutschland sind die Vorsorgemechanismen für Öl, Gas und andere Energieträger dagegen historisch sehr unterschiedlich gewachsen.

Energiewende und Resilienz zusammendenken

Die Transformation zu einem erneuerbaren Energiesystem kann dabei einen wichtigen Beitrag zur Resilienz leisten. Verbrauchsnahe Erzeugung, Speicher und Flexibilität verringern Abhängigkeiten von Brennstoffimporten und verteilen Risiken auf viele Anlagen. Klimaschutz und Resilienz sind jedoch nicht vollständig deckungsgleich. Deshalb müsse auch diskutiert werden, welche Reserven und zusätzlichen Vorsorgemaßnahmen für Krisenlagen erforderlich sind.

Als dritte Leerstelle nennt Schlandt die gebündelte Verantwortung. Während andere Länder Zuständigkeiten für Energieresilienz teilweise klar bei einzelnen Institutionen verankern, verteilen sich die Aufgaben in Deutschland auf Betreiber, Bundesnetzagentur, Ministerien, Länder und Sicherheitsbehörden. Eine dauerhaft arbeitende, ressortübergreifende Stabsstelle könnte die strategische Vorsorge bündeln und eine feste Schnittstelle zur Energiewirtschaft schaffen.

Viertens braucht es eine systematische Verankerung in der Sektorregulierung. Denn Resilienzmaßnahmen müssen nicht nur politisch gewollt, sondern auch finanziert werden können. Insbesondere bei regulierten Infrastrukturen ist zu klären, welche Vorsorgeinvestitionen anerkannt und über die Netzentgelte beziehungsweise andere Mechanismen finanziert werden können.

Von internationalen Vorreitern lernen

Grundlage des Standpunkts ist unter anderem eine Studie von HIC Consulting im Auftrag des BDEW, für die die Energieresilienzpolitik von sechs Vorreiterländern untersucht wurde. Der internationale Vergleich zeigt: Häufig sind konkrete Krisen oder Störfälle der Auslöser für grundlegende Reformen. Aus Sicht von Schlandt sollte Deutschland nicht auf den nächsten solchen Anlass warten.

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